Zehlendorf kämpft gegen Gentrifizierung

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Steigende Mieten, Ausgrenzung benachteiligter Menschen – das gibt es auch in Zehlendorf. Deshalb haben sich Menschen aus Vereinen, Politik und Wirtschaft zu einem Bündnis zusammengeschlossen. Begründung: Der Südwesten darf nicht nur Heimat Wohlhabender sein.

Nachbarn, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, beobachten in Zehlendorf-Süd eine Verdrängung sozial benachteiligter Menschen. Der Grund sind stetig steigende Mieten. Familien mit geringem Einkommen, Rentner oder körperlich Beeinträchtigte könnten sich in Zukunft eine Wohnung in dem Stadtteil nicht mehr leisten. Das betrifft nicht nur Zehlendorf-Süd, sondern den ganzen Bezirk.

Dieser Meinung sind Anwohner, Vertreter von Vereinen, Initiativen, Ämtern sowie aus Politik und Wirtschaft. Sie wollen jetzt gemeinsam gegen diese Verdrängung wirken und gründen deshalb am kommenden Dienstag das so genannte Wohnraumbündnis Steglitz-Zehlendorf.

Es geht um Milieuschutz“, erklärte Winfried Glück kürzlich bei dem ersten Treffen des Runden Tisches Zehlendorf-Süd in diesem Jahr. Der Geschäftsführer des Jugendhilfevereines Zephir fügte hinzu, dass unter diesem Fachbegriff der Schutz der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerungsstruktur zu verstehen sei.

„Wir möchten uns dafür einsetzen und Wege suchen, dass das Bezirksamt die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten in diesem Bereich mehr nutzt“, sagte Glück. Es gebe einige Gebäude in Zehlendorf-Süd, die zunehmend verfallen, zum Beispiel in der Johannesstraße. „Vielleicht könnten dort bezahlbare Wohnungen geschaffen werden“, regte er an. In der Gründungserklärung des Bündnisses heißt es unter anderem, dass Steglitz-Zehlendorf nicht nur Heimat für Menschen sein darf, die wohlhabend sind, sondern für die ganze breite Gesellschaft.

Das Wohnraumbündnis Steglitz-Zehlendorf wird am Dienstag, den 18. Februar, um 17 Uhr, im großen Saal des Rathauses Steglitz gegründet.

Damit sich die Anwohner einzelner Stadtteile im Bezirk in aktuelle Themen ihres Wohngebietes einbringen können, wurden die Runden Tische ins Leben gerufen. Die Initiatoren speziell in Zehlendorf-Süd haben allerdings das Gefühl, dass bislang zu wenige Menschen überhaupt davon wissen.

„Nicht jeder hat einen Internetanschluss, gerade von den älteren Leuten im Kiez“, sagte eine Teilnehmerin. Jemand anderes gab zu Bedenken, dass sowieso alle nur mit ihrem eigenen Leben beschäftigt seien. Dem widersprach ein Gast vehement und erklärte, dass deutlich werden müsse, welche Vorteile dieses Engagement den Menschen bringe.

Sozialarbeiterin Antje Wohlleber, die auch in Zehlendorf-Süd lebt, regte eine Bürgerbefragung an. Nach dem Motto: Kennen Sie den Runden Tisch? Wie ist ihre Lebens- und Wohnsituation? „Aber keine Haustür-Befragung“, waren sich viele einig. Vor allem ältere Leute seien ängstlich und öffneten sowieso keinem die Tür. Eine Befragung an markanten Stellen wie einem Kieztreffpunkt, Supermarkt oder der Kirche fand dagegen eine breite Zustimmung.

 

 

Mit Blick auf die zahlreichen Gäste bei diesem Treffen des Runden Tisches im gut gefüllten Raum im Kinder- und Jugendbetreuungshaus am Ramsteinweg waren einige Anwesende skeptisch: „Wie groß soll der Runde Tisch denn eigentlich noch werden?“ Die rege Beteiligung lag jedoch offensichtlich an einem bestimmten „wunden“ Punkt der Tagesordnung. Es ging noch einmal um die verfahrene Situation der umstrittenen Heckenrodung am Nieritzweg.

Im November letzten Jahres konnten dort aufgebrachte Anwohner einen vorläufigen Rodungsstopp erwirken (wir berichteten). Die Umweltbezirksstadträtin Christa Markl-Vieto und die Leiterin des Grünflächenamtes Monika Osteresch hatten sich kürzlich in einem öffentlichen Dialog der Kritik der Anwohner gestellt.

„Es wurde viel geredet, vor allem über die Altersstruktur im Grünflächenamt und das fehlende Personal“, berichtete die Anwohnerin Katrin Soltwedel, die bei der Veranstaltung war. Ihr sei jedoch nicht der Eindruck entstanden, dass konkrete Vorschläge der Bürger, wie es am Nieritzweg weitergehen könnte, notiert und aufgenommen wurden. „Außerdem hatte ich das Gefühl, dass Frau Christa Markl-Vieto nicht gut vorbereitet war“, fügte sie hinzu.

 

 

Dass die Verwaltung unter akutem Personalmangel leide, stieß bei einigen Anwesenden des Runden Tisches auf taube Ohren. „Das wird uns schon seit 30 Jahren erzählt und wir können es nicht mehr hören“, sagte jemand. Jetzt seien kreative Ideen wie zum Beispiel Patenschaften für Grünflächen gefragt. Demnächst soll es eine weitere Gesprächsrunde mit der Bezirksstadträtin zu dem Thema geben. Und in diese Veranstaltung wollen die Anwohner gut vorbereitet und mit konstruktiven Vorschlägen gehen.

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